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Der lebende Lügendetektor

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Keiner kann besser in Gesichtern lesen als der amerikanische Psychologe Paul Ekman. Nun schult er den US-Geheimdienst und kooperiert mit dem Dalai Lama.
 

„Schauen Sie in den Spiegel“, sagt David Matsumoto. „Und nun die Augenbrauen zusammenkneifen, die Mundwinkel leicht senken, Zähne zusammenbeißen und Lippen aufeinander pressen!“ Im Seminarraum wird es schlagartig ruhig. Nur vereinzelt ist leises Kichern zu hören. Auch ich finde es amüsant, auf Kommando den Gesichtsausdruck „Zorn“ aufzusetzen und mich dabei selbst zu beobachten. Matsumoto wiederholt in ruhigem Ton seine Anweisungen, und ich konzentriere mich darauf, ein wirklich böses Gesicht zu machen. Plötzlich merke ich, wie mir warm wird. Mein Gesicht läuft rot an, und ich bin so voller negativem Tatendrang, dass ich am liebsten vom Stuhl aufspringen würde. Das weiß auch Trainer Matsumoto: „Wenn Sie mir jetzt an die Gurgel gehen wollen, dann haben Sie die Übung richtig gemacht.“ Nein, bild der wissenschaft hat mich nicht auf eine Schauspielschule geschickt. Zwar arbeitet Psychologie-Professor Matsumoto zuweilen auch mit zukünftigen Hollywoodgrößen, aber hauptsächlich kommt seine Klientel aus dem nationalen und internationalen Sicherheitsbereich: Antiterror-Einheiten von Scotland Yard, kanadische Polizisten, Mitarbeiter von CIA oder FBI, Wachleute und Botschaftspersonal aus den USA. „Diese Leute müssen wissen, wie ein zorniger Mensch aussieht. Und das lernt man am besten an der eigenen Visage“, erklärt der Forscher von der San Francisco State University seine Spiegelübung. Diese und andere Aufgaben sowie Video- und Fotomaterial, Rollenspiele und Computertests sollen den Teilnehmern eine Fähigkeit vermitteln, die die Menschheit seit jeher fasziniert: in den Gesichtern anderer zu lesen wie in einem offenen Buch. Wie erkennt man versteckte Gefühle? Welche Gesichter lügen? Wer sagt die Wahrheit? Behörden und Organisationen lassen es sich einiges kosten, dass ihre Mitarbeiter Freund und Feind besser unterscheiden können: Eine fünftägige Schulung beläuft sich auf stolze 35 000 Dollar. Zu buchen sind die Kurse von Matsumoto und 20 weiteren Emotions-Koryphäen über eine kleine Firma namens Paul Ekman Group.

DARWIN UND DIE NACKTE DAME

Hinter dem schlichten Namen steht eine keineswegs schlichte Person: Paul Ekman, einer der bedeutendsten amerikanischen Psychologen der Gegenwart. Wie kein Zweiter hat der ehemalige Professor von der University of California in San Francisco über einen Zeitraum von 40 Jahren das Gesicht als Spiegelbild der menschlichen Seele studiert. Die Ergebnisse seiner Forschung flossen in mehr als 100 Fachpublikationen, 14 Bücher und diverse Filmdokumentationen ein. Heute vertreibt Ekman, seit vier Jahren offiziell im Ruhestand, die Früchte seiner Forschung wie ein cleverer Geschäftsmann: In seinen Workshops saßen bisher mehr als 12 000 Leute. Eine CD-ROM über das Interpretieren von Gesichtsmimik verkaufte sich rund 20 000 Mal.

Ekman ist aber noch nicht am Ziel. Von seiner lichtdurchfluteten Villa aus, hoch oben in den Oakland Hills mit Blick auf San Francisco, stellt der 74-Jährige sicher, dass sein Wissen immer mehr Menschen erreicht. Auch Ekmans Sekretärin macht einen beschäftigten Eindruck. Im Eilschritt führt sie mich über einen langen Flur, in dem wie stille Zeitzeugen Masken aus fernen Ländern und Fotos von Ekmans Forschungsreisen hängen.

Im Arbeitszimmer des Meisters stehen meterweise Regale. Schwer beladen mit Hunderten von Büchern und Videos lehnen sie sich gegen die Wände. An den wenigen freien Stellen des Zimmers sind Fotos zu sehen: von Ekmans Frau, von seiner Tochter – und von Charles Darwin. Direkt neben Darwin hängt wie zum Affront ein gerahmter Artikel aus einem deutschen Boulevard-Blatt. Ekmans Arbeit wird darin vorgestellt, auf derselben Seite prangt eine barbusige Schönheit. „Das hat mir ein deutscher Kollege geschickt“, erklärt Ekman und lacht. „Ich habe es aufgehängt, weil ich meinem Sohn zeigen wollte, dass man, wenn man gute Wissenschaft macht, am Ende neben einer nackten Dame landet!“ Dann setzt sich Ekman an einen seiner vier Schreibtische, die sich unter der Last von Monitoren und Bergen von Aktenordnern und Papieren durchzubiegen scheinen.

Offensichtlich hat der Mann noch einiges vor. Um Profit geht es dem dynamischen Pensionär nicht. Vielmehr fühlt er sich verantwortlich: „Die Wissenschaft weiß genug darüber, wie jemand aussieht, der lügt. Es wäre fahrlässig, dieses Wissen nicht einzusetzen.“ Mit diesem Argument überzeugte er auch Amerikas Heimatschutzbehörde, das Department of Homeland Security. Ekman und Co schulten rund tausend Sicherheitskräfte mit einem Programm namens SPOT (abgekürzt von „Screening Passengers by Observational Techniques“). Nun stehen seit 2006 an 14 US-Flughäfen uniformierte Gesichterleser, die aus dem Strom der Reisenden verräterische Mienen herausfischen.

GESICHTERSTUDIEN – STRENG GEHEIM

Auf die Frage, nach welchen Auffälligkeiten ein SPOT-Beamter Ausschau hält, reagiert Ekman ungehalten. Mit strenger Miene und strafendem Blick ermahnt er mich: „Sie sollten nicht versuchen, Informationen aus Wissenschaftlern herauszulocken, die vielleicht dazu führen, dass Menschen sterben.“ Nur wenn ich ihm garantiere, dass bild der wissenschaft nicht auch von Terroristen gelesen wird, könne er Details über die 35 Punkte umfassende Checkliste preisgeben. Offensichtlich liest der Meister in meinem Gesicht ein „Nein” – und setzt dann zu einem Kurzreferat über journalistische Verantwortung an. Dabei beruhigt sich sein erhitztes Gemüt wieder ein wenig. Leider gibt Ekman auch über den Erfolg nichts Genaues preis. Nur so viel: Bei den meisten Personen, die den SPOT-Teams bisher ins Netz gegangen sind, habe es sich um gesuchte Kriminelle oder illegale Einwanderer gehandelt. Auch ein paar mutmaßliche Terroristen waren darunter.

Ekmans Sicherheitsbewusstsein zeigt sich auch bei einen Projekt, das auf Anfrage des US-Geheimdienstes entstand. Es heißt „Signs of Immediate Attack“ („Signale für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff“). Gemeinsam mit Matsumoto, der ein Labor zum Thema Kultur und Emotionen leitet, hat Ekman Film- und Fotomaterial von Attentätern aus unterschiedlichen Ländern ausgewertet. „Wir haben herausgefunden, dass stets eine ganz bestimmte Mimik über das Gesicht eines Attentäters huscht, wenn dieser in der nächsten Sekunde zur Tat schreiten will“, erzählt Matsumoto. Wie diese Mimik genau aussieht, geben die Forscher nicht preis, wohl aber ihren Namen: „Hinckley Expression“ – nach dem Attentäter John Hinckley, der 1981 den damaligen Präsidenten Ronald Reagan umbringen wollte. Ähnlich ist ein anderer Gesichtsausdruck, den die Forscher bei Menschen fanden, die plötzlich die Kontrolle verlieren und aus dem Affekt angreifen, etwa bei häuslichen Streitereien. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass beide Mimiken in allen Kulturen gleich sind. Daraufhin entwickelten sie ein Trainingsprogramm, das kurz vor der Veröffentlichung steht. „Es ist sowohl für die Polizei hilfreich als auch für Mitarbeiter an Krankenhäusern, psychiatrischen Anstalten oder Schulen“, meint Ekman. Er hofft, dass damit bevorstehende Gewalt-Attacken rechtzeitig erkannt werden können.

Ekmans Motivation für das Entschlüsseln der menschlichen Mimik wurzelt tief in seiner Kindheit. Sein Vater, ein Arzt bei der US Army, war gewalttätig. Und die Mutter beging Selbstmord, als Paul 14 Jahre alt war. „Das hat mich geprägt, und ich wollte etwas tun“, erinnert sich Ekman. Als er kurz darauf von der Highschool flog, sah es zunächst nicht so aus, als könnte ihm das gelingen. Mit 15 bekam er jedoch die Chance, sich an der University of Chicago einzuschreiben. Dort erwachte bei einer Vorlesung über Sigmund Freud sein Interesse an der Psychologie, und er beschloss, Therapeut zu werden. Ekman beendete sein Studium an der Adelphi University in New York 1958 mit dem Doktortitel. Kurz darauf wurde er in die Armee eingezogen und praktizierte zwei Jahre lang als Chef-Psychologe am Fort Dix, New Jersey.

IM DSCHUNGEL NEUGUINEAS

Den entscheidenden Wendepunkt in seiner bis dahin unauffälligen Karriere brachte das Jahr 1966. Ekman beschloss, in die nasskalten Urwälder von Papua-Neuguinea aufzubrechen. Zu jener Zeit war er Wissenschaftler an der University of California in San Francisco. „Ich hatte viel mit depressiven Menschen gearbeitet. Doch wenn man den Kranken helfen möchte, muss man erst die Gesunden verstehen“, begründet Ekman seinen Antrieb, fernab von jeglicher Zivilisation eine grundlegende Frage zu klären: Ist die menschliche Mimik angeboren und somit universell? Oder ist sie von Kultur und Umwelt beeinflusst? „Meine Kollegen dachten, ich sei verrückt und mein Ansatz lachhaft“, erinnert sich der Forscher. Gängige Lehrmeinung war damals, dass Gesichtsausdrücke kulturell geprägt sind. Ekman war anderer Meinung. Bereits ein paar Jahre zuvor hatte er den halben Globus bereist, mit Fotos im Gepäck. Die Aufnahmen zeigten Gesichter von Menschen, die die von Ekman postulierten sieben Grundemotionen ausdrückten: Freude, Zorn, Angst, Überraschung, Trauer, Ekel und Verachtung. Alle bis dato Befragten hatten die gezeigten Emotionen gleich bewertet. Doch bedeutete ein trauriges Gesicht auch „Trauer“ bei einem von westlichen Einflüssen abgeschotteten Urvolk?

Ekman testete das mit einer einfachen Methode. „Ich bat die Eingeborenen, auf das Foto zu zeigen, das jemanden darstellt, dessen Kind gerade gestorben ist. Oder mir denjenigen zu zeigen, der ein verwestes Wildschwein sieht“, erklärt er. Jedes Mal erhielt er die gleiche Antwort. Es war, als hätte er jemanden aus seiner Heimat befragt. Paul Ekman bewies damit, was Charles Darwin bereits 1872 in seinem Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren“ gemutmaßt hatte: Grundemotionen sind universell.

EIN ATLAS DER GEFÜHLE

Fortan erhielt Emotionsforschung in den USA eine völlig neue Bedeutung. „Ekman hat dieses Thema erstmals in den wissenschaftlichen Fokus katapultiert“, bewertet seine Kollegin Margaret Kemeny seine Leistung. Zuvor waren Gefühlsausdrücke nur ein Randgebiet der Psychologie. Auch dass dieses Thema bis heute als wichtig gilt, sei Ekmans Verdienst. Und so kommt auch die Psychologin Kemeny bei ihren aktuellen Forschungen an Ekmans „Schule der Gefühle“ nicht vorbei (siehe Kasten links „Meditationstraining, um Gefühle besser zu erkennen“). Dass Ekman für alle wichtig ist, die beruflich mit Gesichtern zu tun haben, liegt hauptsächlich an seinen Arbeiten zum Facial Action Coding System (FACS). Dieser von Ekman und seinem Kollegen Wallace Friesen zusammengestellte „Atlas der Gefühle“ besteht aus Hunderten von Porträtfotos und zeigt alle nur denkbaren Facetten der menschlichen Mimik. Nach Ekmans Rückkehr aus Papua-Neuguinea erfassten die beiden Männer das Gesicht wie Kartographen ein Stück Neuland. Die Forscher studierten jeden einzelnen Gesichtsmuskel und seinen Einfluss auf die Mimik. Sie definierten sogenannte Action Units (AU), zu Deutsch: Aktionseinheiten. Das sind Gesichtsbewegungen, die von einem oder mehreren Muskeln ausgeführt werden.

HOLLYWOOD TRICKST MIT EMOTIONEN

So steckt zum Beispiel hinter „AU 9“ das Kräuseln der Nase. Insgesamt kann unser Gesicht 44 verschiedene AUs produzieren, aus unterschiedlichen Kombinationen entstehen die Gesichtsausdrücke. Ein glückliches Gesicht ist immer eine Kombination aus AU 6 und AU 12. „Dann nämlich kontrahiert der Augenmuskel Orbicularis oculi pars orbitalis, und der Muskel Zygomaticus major hebt die Mundwinkel“, referiert Ekman mit der Routine eines Anatomie-Professors. Gut 10 000 unterschiedliche Gesichter können wir Menschen an den Tag legen. Die meisten bedeuten gar nichts. Aber fast 3000 Ausdrücke haben einen emotionalen Sinn.

Seit FACS 1978 in die Buchläden kam, wälzen nicht nur Psychologen und Ärzte dieses Kompendium der Gefühle, sondern auch Schauspieler, Werbeagenturen und sogar Trickfilm-Studios. „Pixar hat FACS benutzt, um ‚Toy Story‘ zu produzieren“, erzählt Ekman nicht ohne Stolz. Toy Story war 1995 der erste vollständig am Computer erstellte abendfüllende Kinofilm, er wurde vielfach ausgezeichnet. Mediziner und Psychologen verwenden FACS in ihrem Praxisalltag, um zum Beispiel den Einfluss von Medikamenten bei einer Therapie zu überwachen. Doch das ist mühselig und zeitaufwendig: Um die Beobachtung von nur einer Minute Gesichtsmimik auszuwerten, braucht ein FACS-Spezialist ungefähr zwei Stunden.

EINE KAMERA MIT MENSCHENKENNTNIS

Bald könnte das schneller gehen: Gemeinsam mit einer Gruppe von Computerwissenschaftlern vom Salk Institute in San Diego arbeitet Ekman an einer Automatisierung von FACS: Visuelle Daten, die eine Kamera aufgenommen hat, werden an ein Computerprogramm weitergeleitet. Dieses bewertet die Informationen gemäß FACS und spuckt dann die einzelnen Action Units und den zugehörigen Gesichtsausdruck in Echtzeit aus. Erste Studien zeigten, dass der FACS-Computer aus einer Gruppe von Patienten diejenigen herausfinden kann, die Schmerzen nur simulieren. Auch identifizierte das System übermüdete Autofahrer, die kurz vor dem Einschlafen waren. Ekman vermutet, dass diese Applikation bereits in diesem Jahr erhältlich sein wird. Einen künftigen Einsatz kann er sich an Flughäfen vorstellen. Zur Unterstützung der menschlichen Gesichterleser, die mit dem SPOT-Programm trainiert wurden, schlägt er vor, „dass eine Überwachungskamera, die an einen FACS-Computer angeschlossen ist, die Gesichter der Reisenden scannt. Sie gibt ein Signal, wenn eine bestimmte Mimik anders ist als die von zwei Dutzend Reisenden davor.“

Wäre das Programm auch für einen automatisierten Lügendetektor geeignet? Ekman winkt ab: „Wenn man nur das Gesicht betrachtet, liegt die Fehlerquote bei 30 Prozent.“ Das sei zwar besser als ein Zufallsergebnis, aber für eine praktische Anwendung nicht zu gebrauchen. „Um einen Lügner zu entlarven, muss man gleichzeitig auf die Stimme, die Gestik, die Mimik, die Sprache, die Haltung und die Blickrichtung achten. Keine Maschine kann dies alles auf einmal leisten.“ Wohl aber gibt es einige wenige Menschen, die ein Gespür dafür haben, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht. Nur einer von Hundert habe dieses Talent, meint Ekman. Dabei gibt es bestimmte Berufe, die eher in der Lage sind, einen Lügner zu entlarven als andere – zum Beispiel Mitarbeiter des Geheimdienstes.

GEBORENE LÜGNER SIND SELTEN

Auch Ekman entgeht natürlich nichts. Selbst bei guten Schauspielern erkennt der Gesichterleser zuweilen eine Inkonsistenz zwischen Mimik und Kontext. „Mit Ingmar Bergman unterhielt ich mich vor Jahren über die schauspielerische Leistung von Liv Ullmann“, plaudert er aus dem Nähkästchen. „In einem seiner Filme sollte sie Angst darstellen, ihr Gesicht zeigte jedoch Schmerz.“ Auch versteckte Gefühle registriert Ekman – wenn die nämlich in Form einer „Mikroexpression“ für den Bruchteil einer Sekunde über das menschliche Gesicht flackern und den wahren Gefühlszustand eines Menschen verraten. Ekman entdeckte die Mikroexpressionen 1968 in Filmaufnahmen von Suizid-Gefährdeten. Obwohl die Patienten beteuerten, sich nicht das Leben nehmen zu wollen, entschlüpfte ihnen doch für einen kurzen Moment ein Ausdruck der Verzweiflung. In Ekmans Arbeitszimmer stehen Hunderte von Videos, die solche verräterischen Bilder zeigen, darunter Aufnahmen von Berühmtheiten wie O. J. Simpson während seiner Gerichtsverhandlung oder Bill Clinton im Wahlkampf. „Nur wenige Menschen sind in der Lage, ihre wahren Gefühle komplett zu verbergen“, sagt Ekman.

Gut vier Prozent der Bevölkerung sind „geborene Lügner“: Sie glauben so sehr an ihre eigenen Märchen, dass ihr Körper keine verräterischen Signale von sich gibt – nicht einmal eine Mikroexpression. Alle anderen – mit Ausnahme von Menschen mit krankhafter Gesichtslähmung – könne man entlarven. Und: „Jeder ist fähig, diese Mikroexpressionen in kurzer Zeit zu erkennen“, fand Paul Ekman heraus. Schon vor ein paar Jahren hat er eine Trainings-CD-Rom entwickelt, die über seine Website zu bestellen ist. Forscher aus England veröffentlichten kürzlich eine Studie, die den Erfolg seiner Methodik bestätigte. Selbst schizophrene Patienten sind demnach in der Lage, Mikroexpressionen zu erkennen. Doch wie gut ist dieses antrainierte Know-how? Besitzt Ekmans Emotionsforschung genug wissenschaftliche Grundlagen, um vor Gericht zu bestehen, ähnlich wie ein DNA-Test? „Das wurde bislang nicht gefordert, und ich würde auch nicht als Experte zur Verfügung stehen“, wehrt Ekman entschieden ab.

OTHELLOS FATALER IRRTUM

Erst einmal trat der Wissenschaftler als Zeuge bei einem Fall in Schottland auf – jedoch für die Verteidigung. Der Ankläger hatte sich das Erkennen von Mikroexpressionen selbst beigebracht und meinte, Zeichen von Verachtung in dem Gesicht eines angeblichen Mörders gesehen zu haben, die dessen Schuld beweisen sollten. „Die Verachtung könnte aber auch dem Ankläger gegolten haben, nicht dem Opfer“, argumentierte dagegen Ekman. Er erklärte dem Gericht, dass zwar Emotionen aus dem Gesicht, der Gestik oder der Stimme eines Menschen abzuleiten sind – nicht aber deren Ursachen.

„Ist einem das nicht klar, dann begeht man den Fehler des Othello“, warnt Ekman. Shakespeares Held tötete seine Gattin Desdemona, weil er in ihrem Gesicht die Angst einer Ehebrecherin sah, die die Enthüllung ihres vermeintlichen Geheimnisses fürchtete. Othello irrte. Zwar hatte Desdemona tatsächlich Angst – aber davor, dass man ihr nicht glauben würde. „Die Angst, nicht glaubwürdig zu sein, und die Angst vor dem Erwischtwerden sehen gleich aus. Angst ist Angst“, sagt Ekman. Es ist ihm ein Anliegen, dass mit seinem Wissen solche Irrtümer vermieden werden. Sicher, Ekman will mit seinen Methoden Bösewichte entlarven. „Aber es ist genauso wichtig, die Unschuld eines fälschlich unter Verdacht geratenen Menschen zu beweisen“, betont er.

Zurück zu Matsumotos Spiegelübung: Wenn der Anblick des eigenen bösen Gesichts auch den Rest des Körpers in Rage bringt – was bewirkt dann der Anblick eines freundlichen Gesichts? Sind wir danach auch halsabwärts glücklich und möchten die ganze Welt umarmen? „Nur bedingt“, sagt Meister Ekman, der natürlich auch diesen „Gesichtspunkt“ wissenschaftlich untersucht hat. Ein echtes Lächeln, also AU 6 in Kombination mit AU 12, stimuliert tatsächlich die Gehirnregion, die für Euphorie zuständig ist – im Gegensatz zum „sozialen Lächeln“, bei dem lediglich aus Höflichkeit die Mundwinkel nach oben gehen. „Allerdings können nur zehn Prozent aller Menschen auf Kommando ein echtes Lächeln produzieren“, sagt Ekman. Für mich Ansporn genug, es zu versuchen – und meinem Spiegelbild künftig nur noch mit einem echten Lächeln zu begegnen.

MEDITATIONSTRAINING, UM GEFÜHLE BESSER ZU ERKENNEN

„Er ist der Bruder, den ich nie hatte.“ So beschreibt der amerikanische Psychologe Paul Ekman, 74, seine Verbundenheit zum ein Jahr jüngeren Dalai Lama. Seit sich die beiden Männer im Jahr 2000 auf einem Kongress kennengelernt haben, besteht zwischen dem Wissenschaftler und dem geistlichen Führer eine innige Freundschaft. Beide verbindet der Wunsch nach einer Welt, in der die Menschen ihre Gefühle besser in den Griff bekommen.

Könnte vielleicht eine Symbiose ihrer Ideen sie dem Ziel näher bringen? Margaret Kemeny, Professorin für Psychologie und Psychiatrie an der University of California in San Francisco, erhielt den Auftrag, darauf eine Antwort zu finden. Die Wissenschaftlerin untersuchte, ob fernöstliche Meditation in Kombination mit Ekmans Gefühlstraining auf das menschliche Gemüt einen Einfluss hat und wenn ja, welchen. In ihrer Studie begab sich eine Gruppe von 80 Probanden vier Tage lang unter die Obhut buddhistischer Meditationstrainer. „Es ging dabei um Konzentrationsübungen und um Anleitungen, die Güte und Freundlichkeit fördern sollten“, berichtet Kemeny. Parallel dazu vermittelten Trainer der Ekman Group Basiswissen zum Thema Emotionen. Damit sollten die Teilnehmer Gefühle bei sich und anderen besser erkennen lernen. Die Probanden wurden gebeten, die Meditationsübungen auch nach Abschluss der Schulung zu Hause täglich durchzuführen, ihr Wissen in „Emotionskunde“ durch Literatur zu festigen und Tagebuch zu führen. Vor, während und fünf Monate nach Abschluss des Trainings verordnete Kemeny ihren Probanden unterschiedliche Stress-Tests (wie gut es Ihnen zum Beispiel gelang, eine Rede aus dem Stegreif zu halten) oder Kommunikations-Tests (ob sie etwa ein schwieriges Thema mit dem Lebensgefährten vor laufender Kamera erfolgreich besprechen konnten).

Das Ergebnis: „Die emotionale Situation der Probanden hat sich durch das Training deutlich verbessert“, berichtet Kemeny. Ihre Studie hat sie zur Veröffentlichung eingereicht. Die Resultate sind so ermutigend, dass die Wissenschaftlerin bereits ein neues Projekt leitet: Sie schult nun Lehrer in „Emotionskunde“ und Meditation: „Wir wollen untersuchen, welche Auswirkungen das Training auf Lehrer hat, und ob und wie sich ihre Art, den Unterricht zu leiten und mit Schülern zurechtzukommen, verändert.“

 

Autorin: Désirée Karge

Erschienen in: Bild der Wissenschaft 08/2008, Seite 16   -  Leben & Umwelt

 

INTERNET

Paul Ekmans persönliche Website: www.paulekman.com

Ein Test, mit dem man die eigene Fähigkeit testen kann, Gesichtsausdrücke zu erkennen: www.cio.com/article/facial- expressions-test

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Paul Ekman GEFÜHLE LESEN Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren Spektrum, Heidelberg 2007, € 14,–

Paul Ekman and the Dalai Lama EMOTIONAL AWARENESS Overcoming the Obstacles to Psychological Balance and Compassion Times Books, New York 2008 (September), $ 23,–